Kontakt
Einfach Suchbegriff eingeben und Enter drücken
Abbrechen

Jetzt wieder dezentral? Vielleicht, mit IPFS...

Jetzt wieder dezentral? Vielleicht, mit IPFS...

Das Arpanet war dezentral konzipiert

Die Spannungen nach dem zweiten Weltkrieg zwischen den USA und der UdSSR veranlassten beide Seiten, sich in ein außerordentliches Wettrüsten zu stürzen, das für Jahrzehnte anhalten sollte. Dieses Wettrüsten schlug sich aber nicht nur in wachsenden Mengen an nuklearen Waffen und Menschen auf dem Mond nieder, sondern auch in bedeutenden Entwicklungen im Bereich der Informationstechnik: Die wichtigen Forschungseinheiten und militärischen Entitäten sollten vernetzt werden, und zwar resistent gegen Angriffe in einem eventuellen Krieg. Das Arpanet, der Vorläufer des heutigen Internets, ging 1969 aus diesen Bemühungen hervor. Es war bemerkenswert konzipiert: Innerhalb einer gitterartigen Topologie sollten Pakete geroutet und zugestellt werden. 

Heute hört sich das nach einem alten Hut an. Peer to Peer, Mesh Topology, TCP/IP: Was damals High Tech war, ist heute Alltag. Aber das Internet, das ursprünglich dem Arpanet sehr ähnlich war, hat sich schnell verändert. Obwohl heute jeder Internetgänger auch ein "ProSumer" ist - ob er jetzt cool durch die Bloggosphäre surft oder einfach nur ein Bild seines Hundes zeigen will - hat sich das Internet zentralisiert. Suchen kann man bei Google, finden auch, Soziales gibt es bei facebook oder Twitter, und will man mal was wissen, wendet man sich an die Wikipedia. Die Unterhaltung gibt es auf YouTube und Netflix, die IMDB sagt einem dann, wie gut der Film war, den man gerade gesehen hat.

Den Trend zur Zentralisierung gibt es auch im technischen Bereich

Auch auf der technischen Seite macht sich dieser Trend seit Jahren bemerkbar. Das Hosting verschiebt sich in die Cloud zu großen Anbietern wie Google oder Amazon, die praktischerweise auch die angesagtesten Tools und Technologien mitentwickeln. Viele stellen sich aktiv gegen diese Entwicklung und setzen sich, bedacht um Privatsphäre und Sicherheit, wieder für eine Dezentralisierung ein. Der Boom um Blockchains war sicherlich ein wichtiger Punkt dieser Entwicklung. Mit der Popularisierung und neuen Werkzeugen und Plattformen war es plötzlich jedem möglich, Informationen kryptographisch abgesichert dezentral zu speichern. Und es hat nicht lange gedauert, bis wirklich alles "powered by blockchain technology" war: Logistik, Glücksspiel und sogar Sammelkarten.

Das Inter Planatary File System

Währenddessen haben sich einige interessante Projekte aufgetan, unter anderem das Inter Planetary File System. IPFS ist ein Peer-to-Peer Protokoll, das HTTP ablösen und das Netz wieder dezentralisieren soll. Es wird seit 2014 entwickelt und hat schon eine bemerkenswerte Fangemeinde um sich versammelt.

Die grundlegenden Prinzipien sind simpel:

  • Jeder Teilnehmer des Netzwerks speichert nur die für ihn relevanten Daten.
  • Will man Daten herunterladen, tut man das bei Teilnehmern, die diese gespeichert haben.
  • Alle Daten werden gehashed, um sie identifizieren zu können.
  • Das Netzwerk unterstützt die Teilnehmer dabei, die zu bestimmten Hashes gehörenden Daten wiederzufinden.

Im Kampf um die Informationsfreiheit konnte sich IPFS bereits beweisen:
Nachdem 2017 Wikipedia in der Türkei blockiert wurde, setzte sich das IPFS-Team daran, einen Snapshot der Seite zur Verfügung zu stellen. Dieser ist bis heute [über ein Gateway aufrufbar].

Auch das Hosting über IPFS ist verhältnismäßig einfach. Nachdem man sein Repository angelegt, und den Daemon gestartet hat, kann man seine Website zum IPFS hinzufügen und pinnen. Durch das Pinning ist sichergestellt, dass die Seite dauerhaft gespeichert und von anderen erreichbar ist. Über ein Gateway ist die Seite dann von überall erreichbar: [ipfs.surreal.is].

Herausforderungen für IPFS

Aber was hält die Leute davon ab, alles stehen und liegen zu lassen, und das komplette Hosting ins IPFS zu verschieben? IPFS hat ein paar grundlegende Probleme:

  • Da es eher wie ein Filesystem funktioniert, erlaubt das Interplanetary File System aktuell nur das Hosten von statischen Seiten. Das bedeutet, dass der Großteil der Services im Internet über IPFS alleine schlicht nicht funktionieren würde.
  • Die Zugriffszeiten innerhalb des File Systems sind sehr hoch. Das liegt vor allem daran, dass die Code-Basis nicht performant ist, gleichzeitig leidet das Netz unter der wachsenden Größe -- die aktuelle Implementierung war nicht auf abertausende Benutzer ausgelegt.
  • Noch ist die Verwendung nicht benutzerfreundlich. Auf dem Computer muss für eine ordentliche Verwendung IPFS installiert werden, die Bedienung läuft - obwohl es schon eine Browser-Oberfläche gibt - noch über die Kommandozeile. Will man auf eine Ressource zugreifen, muss man entweder mit Hashes hantieren, oder sie über ein Gateway anfragen, sucht man etwas, wird man kaum fündig. Die Addressierung über Namen mithilfe von IPNS funktioniert zwar, ist aber umständlich und nicht anfängerfreundlich.

IPFS erlaubt aktuell weder Aussagen über die Größe des Netzwerkes noch über die Anzahl der Peers, aber indirekte Metriken lassen vermuten, dass die Popularität stagniert. Der Großteil der preisenden Blogartikel wurde schon vor einer ganzen Weile geschrieben, und IPFS bewegt sich immer noch in seiner Filterblase eines technisch versierten Publikums.

Ein sterbendes Projekt?

Diese Entwicklung scheint seltsam vertraut: War nicht das dezentrale Social Network Mastodon das "heiße, neue Twitter"? War Graphite Docs nicht einmal ein gefährlicher Mitbewerber für Google Docs? Wird IPFS genauso schnell wieder vom Markt verschwinden, wie es aufgetaucht ist? Wohl eher nicht. Die Community rund um IPFS ist sehr aktiv, und kümmert sich aktiv um die Probleme, die Benutzer aktuell noch erfahren. Viele relevante Marktteilnehmer stehen hinter IPFS - so hat beispielsweise Cloudflare der Öffentlichkeit  ein Gateway zur Verfügung gestellt und unterstützt die Verwendung von lesbaren Domains und HTTPS.

Vielleicht hängt der Erfolg von Entwicklungen wie IPFS oder Mastodon aber nicht von einzelnen ab: Auch wenn die Dezentralisierung im Kleinen gepriesen wird, ist ihr Grundgedanke so disruptiv für existierende Strukturen, dass fraglich ist, ob die Gesellschaft sich jemals auf eine Veränderung in dem Ausmaß einlassen wird - vor allem, wenn der effektive Benefit für den Einzelnen gering ist.

Autor: Thomas Pötzsch

Kommentare

Weitere Beiträge

1. Oktober 2019

punkt.de offizieller Sylius-Partner

Das Sylius eCommerce-Framework ist eine super Sache zur Entwicklung von modernen Webshop-Konzepten. Deshalb … mehr

20. September 2019

DMEXCO 2019 - mit punkt.de

Wir waren dieses Jahr das erste Mal auf der DMEXCO als Aussteller auf dem TYPO3-Partnerstand vertreten … mehr