Europäische Hyperscaler und andere Alternativen

Europäische Optionen sind nicht nur eine Vernunftentscheidung, sondern in vielen Fällen wirkliche Alternativen – je nach Anforderung auch ohne ideologische Scheuklappen.

Ihre Probleme möchte er haben

Fabian Stein
Fabian beschäftigt sich mit der Digitalisierung in Deutschland und der Entwicklung des Open Source Marktes als CEO von punkt.de.
Lesedauer: ca. 4 Minuten

In meinem Artikel „Warum Infrastruktur Haltung ist“ habe ich beschrieben, warum ich europäische Infrastrukturlösungen für relevant halte. In diesem Beitrag geht es um den nächsten Schritt: Europäische Optionen sind nicht nur eine Vernunftentscheidung, sondern in vielen Fällen wirkliche Alternativen – je nach Anforderung auch ohne ideologische Scheuklappen.

1) Grundsatzfrage: Brauche ich wirklich Cloud?

Die Frage „Cloud oder eigenes Blech?“ hat sich seit Mitte der 2010er stark verändert. Virtualisierung ist leichter geworden, Hardware stabiler, und die Grenzen zwischen Cloud und On-Prem sind zunehmend fließend.

Das sehen wir auch bei unserem proServer-Produkt: Es läuft immer häufiger selbst in kleinen HA-Setups bereits ab 150 € / Monat.

Und ganz pragmatisch: In den letzten 12 Monaten waren Systeme in der Praxis öfter betroffen, weil Vorschalt-Dienste ausgefallen sind (z. B. CDN/WAF), als weil „ein Server einfach steht“. Hochverfügbarkeit ist wichtig – aber sie entsteht nicht nur durch „mehr Cloud“, sondern durch Architekturentscheidungen.

Trotzdem gibt es gute Gründe für Cloud:

  • Skalierbarkeit (Lastspitzen, schnelles Wachstum)
  • Resilienz (wenn richtig designt)
  • und oft der wichtigste Punkt für IT-Entscheider: Services und Ökosystem Im Zweifel kauft man nicht „Server woanders“, sondern fertige Bausteine, die in die Tool-Landschaft passen (Identity, Logging, Monitoring, Data Services usw.).

Wenn ich also entschieden habe, dass ein Teil meiner IT in die Cloud soll, ist die nächste Frage: Welche Optionen gibt es – auch in Europa?

 

2) Hyperscaler vs. Cloud: Was ist der Unterschied?

Cloud ist der Oberbegriff für die Bereitstellung von IT-Ressourcen (Server, Speicher, Anwendungen) über das Internet. Sie kann öffentlich (Public Cloud), privat (Private Cloud) oder hybrid sein – und wird von Anbietern jeder Größe angeboten.

Private Cloud kann – je nach Schutzbedarf – auch als Air‑Gapped Cloud umgesetzt werden (physisch/logisch getrennt, ohne direkte Internet-Anbindung), z. B. für Verteidigungs-, Finanz- oder Gesundheitsanwendungen.

Hyperscaler sind eine spezielle Kategorie von Cloud-Anbietern mit globaler Infrastruktur, extremen Skaleneffekten und einem breiten, oft proprietären Service-Portfolio (z. B. AWS, Microsoft Azure, Google Cloud).

Der Kernunterschied

Cloud (allgemein)

Skalierung: flexibel, aber begrenzt
Infrastruktur: gemietet oder selbst betrieben
Ökosystem: je nach Anbieter
Anbieter: viele (klein bis groß)

Hyperscaler

Skalierung: global, sehr schnell, „nahtlos“
Infrastruktur: stark optimiert, häufig eigene Hardware/Software
Ökosystem: sehr breit (von IAM bis KI/Serverless)
Anbieter: wenige globale Player

Warum das wichtig ist: Für viele KMU reicht eine „klassische“ Cloud völlig aus. Hyperscaler spielen ihre Stärke aus, wenn globale Reichweite, extreme Skalierung oder sehr integrierte Plattformdienste wirklich benötigt werden.

 

3) Europäische Landschaft: viele Alternativen – aber nicht überall „Hyperscale“

Im Cloud-Markt gibt es in Europa viele gute Alternativen: z. B. Hetzner (oft unser Standard für Infrastruktur), Mittwald und weitere Anbieter. Das sind stabile, praxistaugliche Lösungen, die wir selbst gern einsetzen.

Wenn es jedoch um „echte Hyperscale“ (im Sinne von sehr breitem Plattform-Ökosystem und globaler Skalierung) geht, wird die Auswahl kleiner.

 

4) Gaia‑X: Souveränität durch Regeln statt durch einen „Super-Hyperscaler“

Ein sehr europäischer Ansatz war (und ist) Gaia‑X. Das Projekt ist kein klassischer Cloud-Anbieter, sondern ein föderiertes Modell: viele Anbieter, gemeinsame Prinzipien und Standards (Identität, Compliance, Transparenz, Datenhoheit), sodass sich das Ökosystem für Nutzer konsistenter anfühlt. Gaia-X setzt auf Interoperabilität statt Insellösungen und nachweisbare Regeln/Zertifizierungen statt „Trust me“ – weniger struktureller Lock-in, mehr Steuerbarkeit.

Aktuell kommt wieder Bewegung rein: 2026 sollen erste operative Datenräume live gehen, z. B. für Luftfahrt, Raumfahrt und Gesundheitswesen. Auch internationale Partner (Japan, Kanada) zeigen Interesse. Gaia-X ist damit kein „totes“ Projekt, sondern entwickelt sich weiter – auch wenn die Umsetzung komplex ist und Zeit braucht.

 

5) Die „neuen alten Player“: europäische Anbieter mit Ambition

Neben dem föderierten Ansatz gibt es auch Anbieter, die deutlich in Richtung „Hyperscale“ wachsen – mit Fokus auf DSGVO, Datensouveränität und planbare Betriebsmodelle.

 

6) Europäische Hyperscaler & Alternativen (Auswahl)

Europäische Cloud-Anbieter im Überblick

Deutsche Telekom (T Cloud Public)

Die Deutsche Telekom positioniert ihre T Cloud Public als europäische Alternative zu US-Hyperscalern, insbesondere für regulierte Branchen und den öffentlichen Sektor. Zentrale Argumente sind Datenstandort, regulatorische Kontrolle und Vertragsgestaltung nach europäischen Standards. Die Plattform basiert auf OpenStack und soll laut Telekom bis Ende 2026 die Lücke zu US-Anbietern bei zentralen Core-Features deutlich verkleinern. Bei Souveränitäts- und Standortfragen ist zu beachten, dass sich Aussagen je nach konkretem Angebot innerhalb des breiteren T-Cloud-Portfolios unterscheiden können.

STACKIT (Schwarz Gruppe)

STACKIT entwickelt sich zunehmend zu einer souveränen europäischen Cloud-Alternative mit klarem Fokus auf Datenschutz und regulatorische Anforderungen. Die Plattform betreibt eigene Rechenzentren in Deutschland und Österreich und erfüllt unter anderem Anforderungen wie BSI C5 sowie ISAE 3000 (SOC 2) und ISAE 3402. Parallel wird die Infrastruktur massiv ausgebaut, unter anderem mit einem neuen Großrechenzentrum in Lübbenau, das bis 2027 realisiert werden soll. Im Vergleich zu AWS, Azure und GCP besteht weiterhin ein deutlicher Abstand bei globaler Reichweite und Plattformbreite.

IONOS

IONOS ist ein etablierter europäischer Anbieter für Hosting- und Cloud-Lösungen, der insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen attraktiv ist. Das Unternehmen setzt auf transparente Preisstrukturen und europäische Datenschutzstandards. Zudem engagiert sich IONOS in Initiativen zur digitalen Souveränität in Europa, darunter Gaia-X.

OVHcloud

OVHcloud zählt zu den größten europäischen Cloud-Anbietern und bietet ein breites Portfolio von Public Cloud über Hosted Private Cloud bis hin zu Bare-Metal- und Dedicated-Servern. Das Unternehmen verfolgt konsequent ein „EU-first“-Narrativ mit Fokus auf Datensouveränität, offenen Standards wie OpenStack sowie eigenen Technologien für Kühlung und Energieeffizienz. OVHcloud betreibt mehrere Dutzend Rechenzentren weltweit.

Scaleway

Scaleway richtet sich stark an Entwicklerteams und bietet einen pragmatischen Einstieg in Cloud-Infrastrukturen ohne unmittelbare Bindung an US-Hyperscaler-Ökosysteme. Das Portfolio umfasst unter anderem ARM-basierte Instanzen, Serverless-Angebote und Managed Kubernetes. Die Services werden aus europäischen Regionen wie Paris, Amsterdam und Warschau bereitgestellt.

evroc

evroc ist ein vergleichsweise neuer europäischer Cloud-Anbieter mit Fokus auf Nachhaltigkeit und digitale Souveränität. Seit 2025 sind erste Cloud- und AI-Services verfügbar. Aufgrund des frühen Entwicklungsstadiums sollten Leistungsumfang, verfügbare Regionen und Service-Level je nach Anwendungsfall im Detail geprüft werden.

7) Fazit: Haltung + Flexibilität schließen sich nicht aus

Für uns heißt das: Wir wollen nicht dogmatisch sein. Wir wollen saubere Architekturentscheidungen treffen:

  • Was muss wirklich Hyperscaler sein?
  • Was kann europäisch, souverän und trotzdem wirtschaftlich laufen?
  • Wie vermeiden wir Lock-in – technisch und vertraglich?

Wer heute Infrastruktur plant, sollte Optionen kennen. Wir beschäftigen uns bewusst mit dem Markt, behalten unsere Haltung zu Souveränität im Blick – und bleiben dort flexibel, wo es sinnvoll ist.


Quellen & Weiterführendes

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